Bildung

Aus aktuellem Anlass hat mich Christoph Thommen (Präsident der Grünliberalen Uni Bern und Mitglied des StudentInnenrates) gebeten, in meinem Blog seinen Kommentar über die laufende Besetzung der Universität Bern zu veröffentlichen.

Die Vorstellung ist zu Ende liebe Uni-Besetzer

von Christoph Thommen

Die Besetzer des Gebäudes an der Hochschulstrasse 4 sehen sich als Vorhut von Studierenden, die vom Staat vernachlässigt, von der Wirtschaft erpresst und von der Gesellschaft verkannt werden. In Wirklichkeit sind sie leider nicht nur ein schlechter Verschnitt der 68er Bewegung, sondern auch eine billige Kopie der vorangehenden Uni-Proteste, welche in Wien ihren Anfang nahmen. Dort wurde der Unmut durch Zulassungsbeschränkungen ausgelöst, welche aufgrund des massiven Zulaufs deutscher Studierender eingeführt wurden.

Die SUB als Trittbrettfahrerin und Brandstifterin
Nachdem schon über 50 Unis in ganz Europa besetzt waren und mit Basel auch die erste Schweizer Uni zum „Handkuss“ kam, haben die Trittbrettfahrer der StudentInnenschaft der Uni Bern (SUB) ein Solidaritätsschreiben verfasst. Darin ist von „miserablen Studienbedingungen“ und „existenzbedrohenden Semestergebühren“ die Rede. Ein blanker Hohn, schon nur im Vergleich zu den Zuständen in Deutschland. Dass dieses Pamphlet, in dem auch die fehlende demokratische Legitimität der Uni angeklagt wird, zuerst hinter dem Rücken des Studirats und danach mit einer Mehrheit von 12 Leuten (im notabene 40-köpfigen Studirat) befürwortet wurde, entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie. Am internationalen Studierendentag wollte die SUB nun, von einer kleinen Demo umrahmt, der Uni-Leitung ihre Forderungen überreichen. Dabei konnten wohl einige ihre klassenkämpferischen Gelüste nicht mehr in Zaum halten, so dass die einfallsreichen Nachwuchsrevolutionäre spontan die Aula besetzten, anstatt ihre Anliegen zu platzieren. Wasser auf die Mühlen jener, die der SUB schon lange ihre Glaubwürdigkeit absprechen und ihr ankreiden, mit ihren radikalen Forderungen vor allem Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Diese ist ihnen nun gewiss. Dass sich die SUB jetzt scheinheilig aus der Verantwortung zu ziehen versucht zeigt, dass sie nach dem revolutionären Geröhre halbwegs in die Realität zurückgekehrt ist und vom angerichteten Schaden ablenken will. Missstimmung gegenüber den Aktionen kann nicht nur von institutioneller Seite erwartet werden, auch das Gros der Studierendenschaft fühlt sich vom Vorgehen ihrer Vertretung brüskiert. Dass sich hinter der Besetzung wirklich nicht mehr als ein paar lahme Revolutionsgeister befinden, zeigt ein Blick in die besetzte Aula am Freitag Nachmittag, wo anstelle von Diskussionen über die unmenschlichen Zustände gähnende Leere um sich greift.

 

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Eine Massenbewegung sieht anders aus.

Realitätsfremde Forderungen
Die Forderungen, welche - um der Aktion noch ein basisdemokratischen „Mäntelchen“ umzulegen - notabene erst am zweiten Tag der Besetzung erarbeitet wurden, sind absurd, widersprüchlich oder inhaltslos. Müssen Professoren inskünftig ihre Forschungsinhalte mit dem Putzpersonal absprechen oder entscheidet die Studentin, wann der Uni-Vorplatz gewischt wird? Dies wäre die Folge der “paritätischen Mitbestimmung aller, auf allen Ebenen”, welche gefordert wird (wobei das Putzpersonal explizit erwähnt ist). Die Forderung “keine Ausrichtung auf Exzellenz” könnte beispielsweise mit einem allgemeinen Computer-Verbot erreicht werden, damit sicherlich niemand eine zu gute Arbeit schreibt oder sich noch im Internet schlau machen könnte. Andere Anliegen, welche bereits von Seiten der SUB bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenartig in die Runde geworfen werden, legen Undifferenziertheit und Widersprüche offen. Wie soll etwa das Betreuungsverhältnis verbessert werden, wenn man sich strikt gegen Zulassungsbeschränkungen wehrt oder die Semestergebühren abschaffen will. Als nächstes soll der Staat dem gemeinen Studenten wahrscheinlich ein Zimmer und ein GA zur Verfügung stellen, damit das Grundrecht auf Bildung auch zweifelsfrei gesichert ist. Wie dies dem Steuerzahler erklärt werden soll, der schon über 95% der Studiumskosten auf sich nimmt, bleibt offen. Die wenigen unterstützenden Kräfte sind sich der Peinlichkeit ihrer unverstandenen Aktion langsam bewusst und versuchen nun mit der Lenkung auf die Bologna-Diskussion ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Nur wird gerne übersehen, dass fast der ganze Forderungskatalog überhaupt nichts mit Bologna zu tun hat.
Die Besetzer stehen mit ihrer Sicht dermassen quer zu den tatsächlichen Verhältnissen, dass das Verständnis und das Wohlwollen anfänglicher Sympathisanten dahinschmilzt. Die Vorstellung ist zu Ende liebe Uni-Besetzer – zurück an die Arbeit.

Christoph Thommen vertritt in seinem Kommentar seine persönliche Meinung.

Bildung, Kirche und Staat, Stadtrat

Im Stadtrat wurde gestern eine Motion behandelt, welche fordert, dass alle gesetzlichen Feiertage an der Volksschule jährlich thematisiert werden müssen. Ziel soll dabei die Vermittlung unserer gesellschaftlichen Grundwerte sein. Eine knappe Mehrheit des Stadtrates hat die Motion überwiesen, obwohl der Gemeinderat zu Recht darauf hingewiesen hat, dass der Lehrplan gar nicht im Kompetenzbereich des Stadtrates liegt und dass die Volksschule zur konfessionellen Neutralität verpflichtet ist. Ob dies bei einer Umsetzung dieser Motion noch gewährleistet wäre, ist zumindest fraglich, sind doch rund 4/5 der gesetzlichen Feiertage christlichen Ursprungs.

Zweifellos vermittelt das Christentum - wenn es richtig ausgelegt wird - Werte, welche unsere Gesellschaft bereichern. Ich würde auch sofort Hand dazu bieten, gesellschaftlichen Werten in der Schule eine grössere Bedeutung zukommen zu lassen. Dies sollte aber in der Form eines verbindlichen Ethik-Unterrichts geschehen, welcher sämtliche Religionen, aber auch Religionskritik umfasst.

Eine derart häufige und einseitige Behandlung der christlichen Werte und Feiertage, wie sie die Motion fordert, birgt  hingegen Gefahren. Während die meisten Lehrerinnen und Lehrer damit zweifellos vernünftig umzugehen wüssten, wäre zu befürchten, dass einzelne Lehrpersonen die Auflage zum missionieren missbrauchen würden. Erst gestern war in der BZ zu lesen, dass immer mehr Mitglieder von evangelikalen Freikirchen an der pädagogischen Hochschule studieren. Die Co-Leiterin eines Nationalfondsprojekt, welches die Vereinbarkeit von Glauben und Lehrtätigkeit untersucht, wurde in diesem Kontext mit den Worten “Für Studierende aus freikirchlichen Milieus scheint es ein Problem zu sein, die Evolutionstheorie zu vermitteln” zitiert.

Wertebildung soll an der Schule Platz haben, dadurch darf aber unter keinen Umständen gefährdet werden, dass im Schulunterricht ein breites Wissen über rationale, wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt wird. Aus diesem Grund haben mein Fraktionskollege Claude Grosjean und ich im Anschluss an den gestrigen Stadtratsentschied ein Postulat eingereicht, in welchem wir den Gemeinderat beauftragen, einen einmaligen Evolutionstag für die Schülerinnen und Schüler der Stadtberner Volksschulen anlässlich des Darwin-Jahrs 2009 zu prüfen.

Kommentar von Bernhard Ott (Der Bund)