Anlässlich des schrecklichen Erdbebens in Haiti meinte Pfarrer Bruno Bader im Wort zum Sonntag auf SF doch tatsächlich: “Helfen wir doch zu klagen und führen wir, zum Beispiel morgen in unseren Kirchen, Gott die Verzweiflung und die Not vor Augen. So fangen auch wir an, uns zu bewegen, um dort zu helfen, wo wir können.” (Übersetzt aus dem Schweizerdeutschen, Link zur ganzen Sendung)
Diese Botschaft hat mich auch bewegt - nämlich zu meiner Kreditkarte und auf die Homepage von Médecins Sans Frontières. Von dort aus habe ich soeben einen Betrag für die humanitäre Nothilfe überwiesen. Diese bescheidene Spende nützt den Betroffenen sicher mehr, als wenn ich meine “Verzweiflung und die Not” morgen dem “Gott” vor Augen führe, welcher - wenn es ihn denn geben sollte - angeblich ja so allmächtig ist, dass er dieses Erdbeben auch hätte verhindern können.
Bruno Bader ist übrigens Pfarrer von Saanen-Gstaad im Berner Oberland und wird daher über das ordentliche Budget des Kantons mit Steuergeldern entlöhnt. Ein Beispiel mehr, warum es dringend nötig ist, Staat und Kirche im Kanton Bern endlich zu trennen!
January 18th, 2010 at 17:55
hi,
sehr guter beitrag. habe heute was ähnliches gedacht, als ich gesehen habe, dass es auf facebook eine gruppe gibt “pro user - 1 kerze für haiti” - absoluter schwachsinn.
das einzige was die momentan brauchen sind spenden.
greets
February 2nd, 2010 at 18:30
Dass es angemessenere und weniger angemessenere Reaktionen auf solche Katastrophen und und unsere Machtlosigkeit angesichts solchen Leides gibt, bin ich durchaus einverstanden. Spenden gehen naturgemäss beide erwähnten “Probleme” angeht. Wobei der Effekt auf das Gefühl der Machtlosigkeit bedeutend sicherer ist, als jenes auf die langfristige Verbesserung der Situation in Haiti. Wenn ich an gewisse der Projekte (v.a. der grossen Organisationen) denke, die ich in Rwanda während meines Einsatzes für Eirene gesehen habe, dann frage ich mich ernsthaft, welche Wirtschafts-, Psychologie- und Soziologiekenntnisse die Autoren dieser Projekte hatten und vor allem - aus meiner Sicht noch schlimmer - welches Menschenbild (oder “Bewohner-eines-unterentwickelten-Landes-Bild”) dem zu Grunde liegt. Von wegen Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Partizipation… Und diesbezüglich wird eben (mindestens teilweise) während der Nothilfephase das Fundament des Aufbaus gelegt (mir graut heute noch vor der Erwartungshaltung, die ich in Rwanda angetroffen habe).
Aber zurück zum eigentlichen Thema: Auch wenn ich persönlich weder alle “Dienstleitungen” der Kirche für sinnvoll halte, geschweige denn sie alle beanspruche, muss ich doch feststellen, dass wir als Gesellschaft sehr dankbar für die Dienstleistungen der Kirche sein sollten. Oder hast Du schon mal mit einem (guten) Pfarrer über die Bedeutung der Seelsorge als niederschwelliges Beratungsangebot gesprochen? Integrationleitung von sozial schlechter gestellten? etc. Und bei kirchlichen Aktivitäten gilt das selbe wie für alle Dienstleistungen: sie sind in erster Linie mal so gut wie das Personal, das dahintersteckt (und da variiert die Qualität ja bekanntlich, das wirst Du als Stadtrat wohl noch zu gut wissen ;-)).
Und noch ein kleiner Punkt. Ich persönlich schätze es, wenn ich nicht nur an meinen Ausfällen und Schwächen gemessen werde sondern ganzheitlich. Ich gehe davon aus, dass es Dir bei Deiner (politischen und unpolitischen) Arbeit ähnlich geht und würde es schätzen, wenn Du Dich diesbezüglich auch anderen Institutionen gegenüber grosszügig zeigen würdest.
March 11th, 2010 at 17:43
Schon das Erdbeben von Lissabon hat Diskussionen über das “Verhalten Gottes” ausgelöst, so bei Voltaire und dem Haller-Schüler Johann Georg Zimmerman aus Brugg. 2010 sind die Bemerkungen von Herrn Köpfli ihrerseits weltfremd. Was ist denn geschehen gleich nach dem Erdbeben in Port-au-Prince? Menschen sind zusammengestanden und haben religiöse Lieder gesungen, auch gebetet, und zwar in viel höherem Ausmass als dass geplündert wurde! Die Religion ist so etwas wie die Praxis der Bewältigung unserer Kontingenz, wie es der Philosoph Hermann Lübbe ausdrückte: die Bewältigung dessen, was anderswo nicht zu bewältigen wäre. Wir haben heute nicht mehr den Gottesbegriff von Leibniz, der die Allmacht mit der Allwissenheit und Allgüte verbinden wollte, sondern eher einen Gottesbegriff, wie ihn der jüdische Philosoph Hans Jonas in seinem Buch “Der Gottesbegriff nach Auschwitz” dargetan hat. Gott ist kein Mitspieler auf unserer Welt, wir sind für das Böse, aber auch für die Hilfe bei Unglücksfällen selber verantwortlich, aber wir sind unsererseits nicht allmächtig und was wir tun ist immer Stückwerk. Das wissen die einfachen Menschen von Haiti weit besser als wir Neunmalklugen. Bei der geistigen Grundlagenarbeit dürften die Grundliberalen, bei deren Gründung in Luzern ich übrigens dabei war, noch einiges zulegen, nicht zuletzt, was die Geschichte des Liberalismus betrifft und die Auseinandersetzung mit der Religion.
Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Schriftsteller, parteilos, Beromünster (aufmerksamer Beobachter der Berner Wahlszene)